Jochem Hendricks

Chor: Jochem Hendricks im Gespräch über das „Revolutionäre Archiv“, 2015
Jochem Hendricks und andere

Jochem Hendricks im Gespräch über das “Revolutionäre Archiv”

Susan Sontag:
Jochem, Sie sind seit Jahren im Besitz eines umfangreichen Polizeiarchivs, das aus vielen Aktenordnern mit Fotonegativen und Kontaktabzügen sowie einer Kiste mit 16-mm- und Super-8-Filmen besteht. 2011 haben Sie dann begonnen, das Archiv kontinuierlich auszuwerten und zu bearbeiten. Warum hat es so lange gedauert vom Fund bis zum Beginn der Arbeit?

Jochem Hendricks:
Manchmal muss man warten können! Viele meiner Arbeiten haben ja sehr lange Produktionszeiten, oftmals geht das über Jahre. Diese Geduld und natürlich das Vertrauen in sein Material und die Werkidee muss man schon haben. Ich habe die zwei Kisten natürlich immer wieder umschlichen und mir das Material angeschaut. Da bestand nie ein Zweifel, dass es das Potenzial zu etwas Aufregendem hat. Nur welches, war mir lange nicht klar. Ich wusste nur, dass etwas fehlte, und Magdalena Kopp war dann das „Missing Link“. Das war mir sofort klar, als ich sie kennenlernte.

Roland Barthes:
Wie dürfen wir uns Ihre Haltung zu diesem Material vorstellen? Das sind starke Bilder, keine Frage und eine gewisse politische Brisanz haben sie auch. Aber all das ist historisch, es sind anonyme Fundstücke mit starkem Zeitbezug. Verstehen Sie sich als Dokumentarist?

Jochem Hendricks:
Nein, ich bin weder Dokumentarist noch Soziologe, Politologe oder Historiker. Ich bin Künstler und meine Stoßrichtung ist die Gegenwart. Mich interessieren natürlich all diese Dinge und Bezüge, sie gehören gewissermaßen zum Material. Meine Arbeit besteht darin, die verschiedenen Ebenen aus ihren konkreten Kontexten zu lösen – nicht zu löschen, wohlgemerkt! Durch die künstlerische Bearbeitung transferiere ich das Archiv aus dem historischen Kontext in den Kunstkontext. 

Anna Oppermann:
Das ist bis jetzt alles sehr theoretisch. Wie sieht diese künstlerische Bearbeitung aus, was machst du konkret in deinem Atelier?

Jochem Hendricks:
Konkret? Also, ich habe hier ein Archiv, das ich mit den Augen und Gedanken eines Künstlers betrachte. Ein Archiv mit sehr starken Bildern, die nicht von mir gemacht wurden und die einen aufgeladenen Hintergrund haben, weil es Polizeimaterial ist. Die Inhalte der Bilder sind konkret, historisch, emotional und für sehr viele Menschen biografisch besetzt. Meine Aufgabe ist es, diese Faktoren mitzunehmen, sie in die Gegenwart zu transportieren, wo viele analoge Ereignisse stattfinden …

Arthur „Weegee“ Fellig:
Sie spielen auf all die aktuellen Demonstrationen an, die Attentate, politischen Gewaltakte etc. auf der ganzen Welt?

Jochem Hendricks:
… ja, gegenwärtig einfach überall! Es gibt Occupy und Blockupy im Westen, Massendemonstrationen in Brasilien, in Hongkong, in Ägypten, im Mittleren Osten, in Afrika …

Anna Politkowskaya:
… von wo uns über die sozialen Medien eine Bilderflut erreicht von nie gesehenem Ausmaß. Sehen Sie das „Revolutionäre Archiv“ in diesem Kontext? Gibt es einen tagespolitischen Bezug?

Jochem Hendricks:
Der ergibt sich automatisch. Der Betrachter meiner Ausstellungen hat diese Bilder ja im Kopf und ich natürlich auch. Aber das Archiv ist nur das Rohmaterial und die Oberfläche meiner Arbeit. Ich will mein Ausgangsmaterial transzendieren, das konkrete Ereignis soll zum Archetyp werden. Es geht mir also gerade nicht um Archivierung oder historische Analyse und schon gar nicht um nostalgische Erinnerungsobjekte oder um die Benennung der Guten und der Bösen.

Aby Warburg:
Viele Künstler arbeiten ja mit Archiven, existierenden oder auch selbst angelegten. Ist das Archiv als Erinnerungs- und Ordnungssystem von Interesse für Sie?

Jochem Hendricks:
Nicht wesentlich. Materialsammler sind mir eher unheimlich und archivieren kann ich gar nicht. Ich bin schon froh, wenn ich die Lagerung meiner Werke im Griff habe und nichts verloren geht. Was immer wieder mal vorkommt … Nein, es ist die Potenz dieses Polizeiarchivs, die mich antreibt, nicht sein Ordnungssystem. Auch wenn das von beeindruckender Gründlichkeit ist. Kunst ist ein offenes Spiel ohne feste Ergebnisse, und eine besondere These habe ich gerade auch nicht. Das Politische soll erhalten bleiben, aber nicht über den künstlerischen Teil dominieren, mein Ziel ist ein Gleichgewicht.

Bernd Becher:
Noch mal zurück zur künstlerischen Praxis. Worin besteht der künstlerische Teil, was ist Ihre Leistung?

Jochem Hendricks:
Lassen Sie es mich so sagen: Ich finde die richtigen Leute und treffe Entscheidungen. Ich baue ein Team von fähigen Mitspielern zusammen, das ich dann coache und motiviere, bis wir bei einem Ergebnis rauskommen oder das Projekt gescheitert ist. So arbeite ich meistens. Beim „Revolutionären Archiv“ fiel durch die Begegnung mit Magdalena Kopp der Startschuss, das war etwa 8 Jahre nach dem Fund. Meine erste grundlegende Entscheidung war dann, die Seiten, die Perspektiven umzukehren und eine Ex-Terroristin, ein potenzielles „Opfer“ der Polizeiarbeit zur „Täterin“ der Auswertung zu machen. Damit geben sich die beiden Seiten gewissermaßen hinter dem Rücken die Hand …

Diane Arbus:
… und worin besteht die Qualität der Fotos?

Jochem Hendricks:
Dank Magdalena Kopps Arbeit werden aus diesen dilettantischen Schnappschüssen hochwertige Kunstfotografien. Sie tritt ja nicht nur mit ihrer spektakulären Biografie in mein Projekt ein, sondern sie ist Fotografin und besonders in der Dunkelkammer eine Magierin. Magdalena ist so wichtig für das Projekt, dass sie als eine Art Co-Autorin immer genannt wird und sogar die Fotografien gemeinsam mit mir signiert. Wir wählen gemeinsam Negative und Ausschnitte aus, und dann macht Magdalena in der Dunkelkammer, die wir in einer Waldorfschule in ihrer Nähe eingerichtet haben, diese wunderbaren Silbergelatineabzüge auf Barytpapier. Cartier-Bresson schwebte mir vor und zu Günther Förg ist es auch nicht weit.

Günther Förg:
Das sehe ich nicht.

Jochem Hendricks:
Deine Fotografien sind oft genug verwackelt und unscharf und trotzdem gelungen!

Hanne Darboven:
Der Weg vom gefundenen Archivmaterial zu Ihrem Kunstanspruch ist sehr weit und ambitioniert.

Jochem Hendricks:
Vielleicht wird es so deutlicher: Über die Veredelung nehme ich den Bildern etwas von ihrer politisch-historischen Oberfläche und hole sie in den Kunstkontext. Die Fotos werden auch immer klassisch museal passepartouriert und gerahmt. Über die Auswahl und Anordnung der Fotos und Filme nach Kriterien wie Narration, Kontrast, Formalisierung etc. kann ich ebenfalls die Wirkung in Ausstellungen steuern.

Harun Farocki:
Apropos Filme, auf die sollten wir noch einmal eingehen. Hier spielt Magdalena Kopp ja wohl keine Rolle, oder?

Jochem Hendricks:
Nein, nicht aktiv, aber wir haben sie zusammen angeschaut und viel darüber geredet. Die Filme sind ebenso wichtig wie die Fotografien. Beide Bereiche haben dieselben Themen: Demonstrationen, Überwachung, Hausräumung, Terroranschlag, Kaufhausbrand, Geiselaustausch etc. Manchmal sind Fotos und Filme sogar am selben Tag und zum selben Anlass aufgenommen. Ein Leitmotiv des gesamten Archivs und meines Projekts zeigt den ständigen, redundanten Bilddiskurs aller Parteien in allen Varianten: Fotografen fotografieren Fotografen und Kameraleute und umgekehrt, Polizisten fotografieren oder filmen Demonstranten und die schießen zurück, man fotografiert und filmt sich aber auch untereinander und gegenseitig. Das ist für einen Künstler natürlich ein Traum von Material!

Nan Hoover:
Unterscheidet sich Ihre Behandlung von Film und Fotografie? Das sind ja verwandte Medien, aber an wesentlichen Stellen doch sehr verschieden.

Jochem Hendricks:
In meinen Ausstellungen übernehmen die Filme gewissermaßen den physischen Teil. Filme sind ja von vornherein schon überwältigender als Fotografien. Das unterstütze ich noch durch die Präsentation in großen geschlossenen und verdunkelten Räumen mit wandgroßen, lückenlosen Projektionen rund um den Betrachter. Sollte es einmal das Budget hergeben, mache ich auch Projektionen an Decke und Boden … 

Bernhard Blume:
Glaubst du wirklich, dass du damit als Künstler sichtbar bist? Dass deine Arbeit nicht nur deshalb als Kunst wahrgenommen wird, weil sie in Galerien und Museen ausgestellt wird?

Jochem Hendricks:
Da muss ich zurückfragen: Warum wird sie denn in Museen ausgestellt? Natürlich stellt sich die Frage: Wo ist der Künstler, wo ist die Kunst? Nun, ich entwickele die Idee, richte das Setting des Projekts ein, justiere an den Stellschrauben, wähle und kombiniere sozusagen wie ein Regisseur die verwendeten Personen, Elemente und Ebenen und verwandele sie in ein neues Ganzes. Mit jeder Ausstellung, mit jeder Publikation neu.

Charlotte Posenenske:
Ist es überhaupt wichtig, als Künstler sichtbar zu sein?

Jochem Hendricks:
Diese Frage stelle ich mir auch.

Bernhard Blume:
Das ist kunsttheoretisch sehr ambitioniert. Du verschwindest quasi als Autor und beanspruchst doch, als Künstler da zu sein. Die Fotos und Filme sind nicht von dir gemacht, sie sind keine Readymades und es sind auch keine von Assistenten nach deinen Ideen ausgeführten Werke, Magdalena Kopp ist Co-Autorin, aber nicht Co-Künstlerin. Ich kann das gar nicht wirklich einordnen, das ist ähnlich wackelig wie viele der Fotos …

Jochem Hendricks:
Wenn man es ernst meint, steht künstlerische Arbeit nun mal auf keinem festen Fundament. Kunst ist ja nicht nur analytisch, sondern hat immer auch etwas mit Gefühl zu tun, mit körperlicher und psychischer Stimulierung, besonders wenn der visuelle Anteil so groß ist wie hier. Deshalb auch die Präsentation der Filme als raumgreifende körperliche Installation und der Fotografie im intimen Kopfformat. Und natürlich spielt die Lust an Bildern ebenfalls eine Rolle.

August Sander:
Ich habe leider keine Ihrer Ausstellungen gesehen und frage mich, ob sich Ihr Anspruch tatsächlich vermittelt. Erschließt sich das „Revolutionäre Archiv“ auch jungen Menschen? Und bleibt es bei den Älteren nicht bei Erinnerungen?

Jochem Hendricks:
Die Resonanz war jedenfalls immer ungewöhnlich stark. Je nach Generation des Betrachters werden biografische, historische und gegenwärtige Kontexte abgerufen, Erinnerung und Gegenwart in Beziehung gebracht. Allein dadurch schon ergibt sich ein Ansatz von Überhöhung ins Archetypische. Ein Paradefall ist hier die Erstpräsentation des „Revolutionären Archivs“ im Jahr 2011, die exakt während der sozialen Unruhen in London und in anderen englischen Städten stattfand – zu der Zeit, als Tottenham brannte.